Freitag, 8. November 2013

2 Jahre Haiti

 - Auszug aus dem Missionsheft der Lebensmission e.V. - 

2 Jahre Haiti

… wie will man dies in Worte, wohlgeformte Saetze und letztendlich auf 1 Seite fassen?
Der Mensch neigt dazu, im Rueckblick Erfahrungen zu beschoenigen, so kann ich sagen, dass das erste Jahr in Haiti sehr schwierig war. Mein Hauptwerkzeug als Sozialpaedagogin ist und bleibt nunmal die Sprache. Geduld zaehlt dahingegen nicht gerade zu meinen Staerken, doch diese ist beim Erlernen einer Fremdsprache von noeten. Sich in einer komplett anderen Kultur wiederzufinden, stellt alles was uns gewohnt ist, was uns Sicherheit und Vertrautheit bietet in Frage. Die uns allzu selbstverstaendliche Funktionsfaehigkeit der deutschen Gesellschaft – in Haiti nicht existent. Hier kaempft man einen ganzen Tag um Dinge, die in Deutschland in 1 Stunde ohne groessere Anstrengung erledigt werden koennten.

Das Rollenverstaendnis, das Familienleben, moralische Werte, gesellschaftliche Normen,… alles wird auf den Kopf gestellt. Dies ist die erste Phase, “die Verunsicherung”, in der alles bisher Bekannte in Frage gestellt wird, man sich tagtaeglich mit fremden Lebenskonzepten konfrontiert sieht und sich dabei selbst als Fremdkoerper wahrnimmt. Selbst fuer kleine Erledigungen ist man auf die Hilfe der Mitmenschen angewiesen und die gewohnte Unabhaengigkeit scheint verschwunden, da man sich in ungewohntem Raum eben nicht mit den vertrauten Konzepten zu orientieren vermag.

Die zweite Phase nenne ich “die konstruktive Reflektion”, in der man sich oeffnet fuer neue Loesungen, neugierig in die Lebenslogik der Haitianer eintaucht, verstehen lernt. Nach einem Jahr hat man genuegend Sprachkenntnis, um Fragen zu stellen sowie komplexe Antworten zu begreifen, eine Basis um Freundschaften zu knuepfen und auf der Beziehungsebene tiefer eintauchen zu koennen. Missverstaendnisse und kulturelle Fettnaeppfchen koennen schneller erkannt und geklaert werden, man findet sich im Alltag einer fremden Kultur mehr und mehr zurecht und fuehlt sicheren Boden unter den Fuessen. Man hinterfraegt die festgefahrenen eigenen Muster, um letztendlich zu begreifen, dass die wohlbekannte Lebenswelt nicht die einzige lebenswerte Wahrheit und die eigene kulturelle Praegung nicht das Ultimo fuer Jedermann ist.

Die dritte Phase sehe ich als “die Bereicherung” an, in der man sich durch die Reflektion neu bewusst darueber sein darf, wer man ist, woher man kommt und welche Praegungen wir mitbringen. Man weiss die jeweiligen Staerken beider Kulturen zu schaetzen, sowie die Schwaechen zu erkennen, um sich gegenseitig zu bereichern. Jeder darf seine Kultur leben und Andere mit dieser beschenken, genauso wie man sich von den Haitianern beschenken laesst. Die Lebensfreude, die Leidensfaehigkeit, das Auskosten des Hier und Jetzt, die Kreativitaet aus wenig Material etwas zu erschaffen, das staendige Umgebensein von Mitmenschen und die allzeitbereite Nachbarschaftshilfe sind einige Staerken der haitianischen Kultur. Unsere demokratische Praegung mit individueller Eigeninitiative, dem Glauben an das Machbare und der Ehrgeiz zur Zielerreichung, sowie die analytische Planung der einzelnen Schritte auf dem Weg dorthin sind einige Staerken der deutschen Kultur. Gemeinsam ergibt es einen produktiven Coktail sozialer Energie, die uns als geliebte Geschoepfe Gottes Seite an Seite zusammenruecken laesst, um gemeinsam seinen Willen zu vollbringen.

Nach 2 Jahren Haiti kann ich sagen: “Jetzt kann es erst richtig losgehen!”
Also haben wir unseren Vertrag nochmal um 2 Jahre verlaengert und befinden uns somit in der Halbzeit.

Am eigenen Leib zu erfahren, was es bedeutet wie Petrus aus dem Boot der Komfortzone auszusteigen, sich aufs wilde Wasser zu wagen, seinen Blick immer wieder neu auf Jesus auszurichten, dabei ebenso immer wieder zu sinken, um erneut herausgezogen zu werden, das kostet etwas. Doch unser Gewinn ist es sich mehr denn je darueber bewusst zu sein, dass Gott allein unser Leben in seiner Hand haelt und er auf der ganzen weiten Welt allezeit treu ist uns aufzufangen, zu bewahren und zu ermutigen unsere kleinen, engen Lebenskonzepte zu weiten, Platz zu machen fuer unsere Mitmenschen und seinem Herzschlag zu vertrauen.
Es ist wunderbar Gottes Fruechte zu erkennen, die man innerhalb von 2 Jahren unter Schweiss und Muehe gesaeht hat. Er fraegt uns lediglich das klitzekleine Senfkorn zu saehen, die paar Brote und Fische zu investieren, die wir in Haenden halten – und er vermehrt es, laesst einen riesigen Baum wachsen, der Frucht bringt fuer Viele und uns selbst Schatten bereitet.

Ein ganz besonderes Geschenk durfte Ende September bei uns einziehen: unser Sohn Dieune. Als Findelkind kam er mit einem Jahr ins Kinderdorf und ist uns gleich ans Herz gewachsen, so dass wir entschieden ihn zu adoptieren . So ist unser himmlischer Vater, er bittet uns unsere eigene Heimat zu verlassen, um Heimatlosen Heimat zu werden. 

Wunderbar.






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